Intro
Stell dir vor, du sitzt in einem Feedback-Gespräch.
Dein Gegenüber sagt etwas, das dich ehrlich trifft. Vielleicht fühlst du dich ungerecht behandelt, vielleicht spürst du einen innerlichen absoluten Widerstand.
Aber anstatt zu erklären, was dieses Feedback mit dir macht, nickst du. Du lächelst und sagst: „Danke, das nehme ich mal mit.“
Und innerlich hörst du Glas zerschellen.
Willkommen in der Arbeitswelt – dem einzigen Ort, an dem wir immernoch viel zu oft versuchen, sieben evolutionär tief verankerte Grundemotionen mit einem professionellen Lächeln zu übertünchen. Täglich. Und meistens erfolglos.
Also haben wir diesen Monat eine Mission: Lasst uns damit aufhören!
Wir widmen uns den sieben Grundemotionen nach Paul Ekman. Weil wir überzeugt sind, dass Teams, die fühlen dürfen, einfach besser funktionieren. Und weil es höchste Zeit ist, ein paar hartnäckige Mythen über Emotionen im Job zu begraben.
Herzlich willkommen im Themenmonat Mai.
Input

Woher kommen die sieben Grundemotionen eigentlich?
Also genau genommen sind Emotionen ein evolutionäres Basiswerk. Aber wenn wir über Entdecker reden, sollte vielleicht ein Name fallen: Paul Ekman.
Er ist ein amerikanischer Psychologe, der in den 1960er Jahren eine damals ziemlich revolutionäre Frage stellte: Sind Emotionen kulturell erlernt – oder sind sie universell? Also: Fühlt ein Mensch in Papua-Neuguinea dasselbe wie jemand in Stuttgart, wenn er wütend ist? Und zeigt er es auch auf die gleiche Art?
Um das herauszufinden, reiste Ekman tatsächlich in abgelegene Regionen der Welt – unter anderem eben zu einem Stamm in Papua-Neuguinea, der bis dahin so gut wie keinen Kontakt zur westlichen Welt hatte. Er zeigte den Menschen dort Fotos von Gesichtsausdrücken und bat sie, die zugehörige Emotion zu benennen. Das Ergebnis war eindeutig: Sie erkannten dieselben Emotionen, die auch westliche Studienteilnehmende erkannten. Dieselben Gesichter. Dieselben Gefühle.
Seine Studien, veröffentlicht ab 1969 gemeinsam mit Wallace V. Friesen, begründeten die These der universellen Basisemotionen – Emotionen, die kulturübergreifend im Gesichtsausdruck erkennbar und damit biologisch verankert sind. Ekman entwickelte daraufhin das Facial Action Coding System (FACS), ein bis heute genutztes System zur Kodierung von Gesichtsausdrücken, das in der Psychologie, Kriminalistik und sogar der KI-Forschung Anwendung findet.
Die sieben Grundemotionen, die er identifizierte:
😊 Freude – der Klassiker. Echt erkennbar übrigens nur an den Augen, nicht am Mund. Wer das nächste Mal ein echtes Lächeln von einem höflichen unterscheiden will: Schaut auf die Augenwinkel. Nur wenn das Lächeln die Augen erreicht, ist es echte Freude.
😮 Überraschung – kurzfristig, neutral. Wird blitzschnell zu etwas anderem – Freude, Angst oder Ärger.
😢 Trauer – die Emotion, die im Job am konsequentesten unterdrückt wird. Und die uns am längsten begleitet, wenn wir das tun. Trauer ist die Emotion, die uns signalisiert, dass wir etwas oder jemanden verloren haben, dem wir Bedeutung beigemessen haben.
😠 Wut – kein Kontrollverlust, sondern ein Signal. Hier wurde eine Grenze überschritten.
😨 Angst – Vorsicht mit Herzrasen. Sie zeigt uns, was uns wichtig ist und was wir schützen wollen.
🤢 Ekel – das Gefühl, dass etwas unvereinbar mit uns ist und auf Abstand gehalten werden sollte. Egal ob verdorbenes Essen oder ein Auftrag, der die eigenen Werte verletzt.
😤 Verachtung – die einzige asymmetrische Emotion im Gesicht (z.B. hochgezogene Augenbraue). Sie richtet sich auf andere – oder auf uns selbst. Und sie ist ehrlicher, als uns lieb ist.

Soviel zu den Grundlagen. Aber was sagt die Forschung jetzt zu Emotionen im Arbeitsalltag?
Dass Emotionen im Job nichts zu suchen haben, ist ein Mythos – und mittlerweile auch empirisch ziemlich gut widerlegt.
Verena Watzek zeigte in ihrer Dissertation an der Universität Regensburg (2020): Wenn Teammitglieder positive emotionale Reaktionen zeigen – zum Beispiel Wertschätzung füreinander –, werden andere ermutigt, Wissen zu teilen und gemeinsam zu reflektieren. Negative Reaktionen wie Frustration oder Antagonismus hemmen genau das.
Das bedeutet jedoch zwei Sachen nicht:
- Lob inflationär zu streuen. Getreu dem Motto: Mehr Wertschätzung, mehr Motivation. Denn ein lapidares Lob oder Kompliment ohne Inhalt kann auch Gegenteiliges bewirken.
- Negative Emotionen wegzudrücken: Früher oder später kommen sie eh zum Vorschein und dann häufig potenziert. Ehrliches Feedback, bedeutet auch ehrliche Emotionen. Nur so entsteht langfristig eine Sicherheit im Team, die wiederum Motivation und Teamlernen fördert.
Kurz: Emotionen sind keine Störvariable in der Teamarbeit. Sie sind eine ihrer zentralen Steuerungsgrößen – auch die als so negativ konnotierten Emotionen, wie Wut.
Das bestätigt eine aktuelle Studie der Universität Hohenheim (Umbra & Fasbender, 2025): Wut ist kein Produktivitätskiller – sie ist neutral, bis wir entscheiden, was wir mit ihr machen. Wer sie konstruktiv anspricht, kann ihre Energie nutzen, um Konflikte zu lösen und Ziele zu erreichen. Wer sie herunterschluckt, ist hingegen schneller erschöpft und weniger produktiv. Unterdrückte Wut kostet so viel Energie, dass man schon fast darüber nachdenken könnte, wie viel Kilokalorien das verbrennt. Aber Spaß beiseite!
Entscheidend ist das Wir-Gefühl im Team: In vertrauensvollen Teams wird Ärger zur Informationsquelle statt zum Risiko.
Und die Botschaft beider Studien ist eindeutig: Emotionen sind eine Ressource. Punkt.
Inside

Diesen Monat schauen wir uns die sieben Grundemotionen ganz genau an – und zwar nicht abstrakt, sondern dort, wo sie täglich auftauchen: im Job, im Team, im Alltag.
Den Anfang macht ein Beitrag, der eine Frage stellt, die wir uns beim Bewerbungsgespräch immer stellen – und die wir auch unseren Bewerber*innen stellen: Wie gut kennst du eigentlich deine eigenen Emotionen? Warum Reflexionsfähigkeit für uns ein echtes Einstellungskriterium ist.
Wut und Angst bekommen ihren eigenen Beitrag. Nicht weil sie die lautesten sind – sondern weil sie am häufigsten missverstanden werden. Und weil beide, richtig eingesetzt, zu echten Superkräften werden.
Mara teilt in ihrem #marameint eine persönliche Geschichte aus dem Trainingsalltag – über eine Gruppe, die ihr gezeigt hat, dass Emotionen im Team alles andere als selbstverständlich sind.
Und zum Abschluss brechen wir eine Lanze für die zwei Emotionen, die niemand auf seiner Liste der Lieblingsemotionen hat: Ekel und Verachtung. Warum auch sie uns etwas Wichtiges sagen – und warum wir gut daran täten, ihnen zuzuhören.
Outro

Wir entlassen euch diesen Monat nicht ohne die Frage, was das Thema eigentlich mit euch macht. Also:
- Welche der sieben Grundemotionen begegnet dir im Alltag am häufigsten – und welche drückst du am konsequentesten weg?
- Wann hast du zuletzt bei der Arbeit etwas gefühlt, das du nicht gezeigt hast? Was wäre passiert, wenn du es gezeigt hättest?
- Gibt es eine Emotion, bei der du dir nicht sicher bist, was sie dir sagen will?
- Und die vielleicht wichtigste Frage: Wie emotional sicher fühlt sich dein Team an? Darf dort gefühlt werden?
Also let’s go: We feel you! Das ist kein einfaches Thema.









