Intro
Wie wir diesen Monat dieses SchlachtBlatt beginnen wollen und noch dachten: Ach ein lustiger Aufhänger zum Thema „Scham“ fällt uns bestimmt ein. Aber mehr und mehr stellte sich heraus, dass wir zum Einen gar nicht so richtig greifen können, was das eigentlich ist und zum Anderen wollte niemand seine Geschichte teilen, wo er oder sie sich mal so richtig geschämt hat. Auch klar, oder?
Wir kennen ihn alle, den Knuff in die Seite, gefolgt von dem berühmten Satz: „Musst dich doch nicht schämen.“ Zack, rauf auf die Bühne. Zack, rein in die unangenehme Begegnung.
Dieser Stoff aus dem Albträume gemacht werden: Man läuft den ganzen Tag mit falsch geknöpfter Bluse umher, hat Toilettenpapier am Schuh kleben oder muss plötzlich vor einer Gruppe auf Englisch moderieren – unvorbereitet. Zumindest träumen wir von sowas.
Meistens fühlen wir uns eigentlich auch erst nach diesem Satz ertappt und schämen uns. Vorher waren wir vielleicht nur aufgeregt, oder kauten noch immer auf einem Misserfolg oder einem Fehler rum, den wir gemacht hatten. Aber dieser – keine Ahnung – nett gemeinte Satz löst sie erst aus, die Scham. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein.
Aber – uff – wir können es uns in diesem Intro nicht verkneifen: Bühne frei für die Scham. Wir nehmen sie genauer unter die Lupe, erklären, warum sie eigentlich eine nützliche Intention verfolgt und stellen fest: Du bist gut genuuuuuuug! (Sorry)
Willkommen im Themenmonat Oktober.
Input

Fangen wir mit dem Wichtigsten an: dem Unterschied zwischen zwei Gefühlen, die oft verwechselt werden: Schuld und Scham.
Schuld sagt: „Ich habe etwas Schlechtes getan.“ Scham sagt: „Ich bin schlecht.“
Schuld bezieht sich auf mein Verhalten. Scham bezieht sich auf mich als ganze Person. Und das ist ein großer Unterschied: Denn Schuld kann uns aktivieren. Sie zeigt, wo das eigene Verhalten nicht zu den eigenen Werten passt, und motiviert uns zur Veränderung. Scham hingegen macht aus einem Fehler eine Identitätsfrage. Wir stehen plötzlich neben uns: Wer bin ich eigentlich und wenn ja, wie viele?
Was Scham im Team auslöst
Daniels & Robinson haben 2019 im Journal of Management einen umfangreichen Überblick zu Scham im Arbeitskontext veröffentlicht. Ihr zentraler Befund: Scham entsteht häufig dann, wenn jemand eine Abweichung von einem Standard wahrnimmt, der mit seiner beruflichen Identität verbunden ist und häufig auch mit einem sehr hohen Anspruch an sich selbst. Zum Beispiel: „Dieser Bericht hat Fehler.“ Aber: „Ich bin jemand, der keine Fehler macht und jetzt haben alle gesehen, dass das nicht stimmt.“
Aus einem Verhalten wird ein Urteil über die (eigene) Person. Und je nachdem, wie ich mit dieser Scham umgehe, passiert im Team eines von drei Dingen:
Wiedergutmachung: Ich strenge mich an, entschuldige mich, übernehme Verantwortung.
Rückzug: Ich stelle weniger Fragen, teile weniger Wissen, bringe weniger Ideen ein. Mache mich kleiner.
Verteidigung oder Aggression: Ich rede mich um Kopf und Kragen, rechtfertige mich, schiebe Verantwortung weiter oder greife an. Weil Scham in dem Moment mein Selbstbild bedroht und nichts mag unser Gehirn weniger. Denn eine Selbstbildkorrektur bedeutet eine Menge Arbeit.
Was wir damit sagen wollen: Nicht jedes Schweigen im Meeting ist Desinteresse. Nicht jede Rechtfertigung ist Sturheit. Manchmal sitzt darunter Scham.
Und woran erkenne ich jetzt Scham im Team?
Ganz „einfach“: Scham ist laut. Und gleichzeitig unglaublich leise. Sie schreit nicht. Sie zieht sich zurück. Sie verstummt. Sie lächelt und nickt. Sie macht Überstunden, um einen Fehler unsichtbar zu machen. Sie stellt keine Fragen mehr, weil Fragen bedeuten könnten: Ich weiß etwas nicht.
- Das Meeting, in dem niemand eine Frage stellt – obwohl alle wissen, dass noch nicht alles klar ist.
- Die Person, die nach Feedback sofort erklärt, warum es so gelaufen ist – bevor überhaupt eine Reaktion kam.
- Das Teammitglied, das Fehler erst dann anspricht, wenn sie nicht mehr zu übersehen sind.
- Die Stille nach einer Entscheidung, die alle für falsch halten – aber niemand sagt es.
- Die Person, die nach einer Kritik plötzlich weniger sichtbar wird. Weniger Ideen. Weniger da.
Aber diese Beispiele sind keine Checkliste. Denn keines dieser Signale bedeutet automatisch Scham. Aber alle deuten darauf: Hier herrscht gerade Unsicherheit.

Was an dieser Stelle nicht hilfreich ist.
Die aufkommende Scham nicht einfach wegmoderieren. „Ihr müsst euch nicht schämen!“ oder „Stelle euch nicht so an!“ sind keine Antworten auf Scham. Sie sind ein sicherer Weg noch Öl ins Feuer zu gießen.
Was wirklich hilft:
- Verhalten und Person trennen. Scham entsteht in dem Moment, in dem aus „Ich habe etwas falsch gemacht“ ein „Ich bin falsch“ wird. Wer als Führungskraft oder Teammitglied konsequent auf das Verhalten fokussiert – konkret, sachlich – nimmt diesem Moment Macht.
- Fehler normalisieren – nicht romantisieren. „Ihr müsst Fehler als Ressource betrachten!“ Ein Satz, der häufig mir rollenden Augen quittiert wird, eben weil er nicht gelebt wird. Was stattdessen wirklich hilft: Kein Drama, aber Klarheit. „Ich habe das falsch eingeschätzt. Das hat uns Zeit gekostet. Hier ist, was ich daraus mitnehme.“
- Öffentliche Bloßstellung vermeiden. Scham wächst mit Sichtbarkeit. Kritik vor dem gesamten Team, sarkastische Kommentare im Meeting… Sie setzen sich fest. Rückmeldungen, die die Person betreffen, gehören ins Vier-Augen-Gespräch. Was im Team besprochen wird, ist das Verhalten und der Lerneffekt – nicht die Person.
- Fragen stellen statt urteilen. Wenn jemand einen Fehler gemacht hat oder sich zurückzieht, hilft eine Frage wie „Was brauchst du gerade, um weitermachen zu können?“ Fragen signalisieren: Ich bin neugierig auf dich – nicht fertig mit dir.
- Scham ansprechen, wenn sie im Raum ist. Das ist der mutigste und auch schwerste Schritt. „Ich habe das Gefühl, dass gerade etwas im Raum ist, das wir nicht aussprechen. Stimmt das?“ Manchmal reicht dieser Satz, um eine Dynamik zu unterbrechen, die sich sonst manifestiert.
Inside

Den Anfang in diesem Monat macht ein Beitrag, der nochmal genauer erklärt, was Scham überhaupt ist, wie genau sie sich von Schuld unterscheidet und warum sie – überraschenderweise – auch nützlich sein kann: Scham als evolutionären Schutzmechanismus beschreibt.
Brené Brown hat über zwei Jahrzehnte zu Scham geforscht. Was sie herausgefunden hat und warum ihr Befund für Teams so relevant ist, klären wir in einem weiteren Beitrag.
Dann wird es führungsspezifisch: Was passiert, wenn Führungskräfte sich in ihrem Selbstbild bedroht fühlen? Warum kann Widerspruch dann plötzlich wie ein Angriff wirken und was hat das mit Scham zu tun?
Und zum Abschluss decken wir Marker von „beschämender Sprache“ auf, um zu sensibilisieren, wie schnell es gehen kann, eine Person anstatt ihr Verhalten zu bewerten.
Stay tuned. Es wird ehrlich.
Outro
Dieses SchlachtBlatt schließen wir ausnahmsweise einmal ohne Reflexionsfrage ab, sondern mit einem Zitat von Brené Brown, welche sich lange mit Scham beschäftigt hat. Sie hat ein Mittel, wie man Scham überwindet:
„Scham überwindet man durch die Verbindung zu anderen Menschen und durch das Wissen, dass jede menschliche Erfahrung geteilt wird. Empathie ist das Gegengift zu Scham. Wenn ich Sie anrufe und sage: Oh mein Gott, du wirst mir nicht glauben, was mir Peinliches passiert ist, und Sie sagen: Das kenne ich, mir ist mal was Ähnliches passiert.“
Aber auch das erfordert Überwindung und den Mut, sich verletzlich zu zeigen.
(Quelle: Interview mit Brené Brown im SZ-Magazin: „Verletzlichkeit ist der Schlüssel zu allem“)









