Intro
Letzter Arbeitstag vor dem Urlaub.
Jetzt wird alles entspannt. Endlich. Das hast du dir schließlich verdient.
Schnitt.
Es ist 18:30 Uhr, du schiebst die Poolnudel als letztes Urlaubsutensil in den Kofferraum, während dein Handy vibriert und in deinem Kopf die To-do-Liste weiterrattert. Mit zusammengebissenen Zähnen murmelst du: „Ja, dann checke ich den Bericht schnell im Hotel. Aber das war es dann ja auch.“
Schnitt.
Dein erster Urlaubsmorgen. Du liegst im Bett, starrst an die Decke und denkst: „Kann jetzt nicht wahr sein?!“. Statt Sonnencreme: Halsschmerzen. Statt Meer: Migräne. Statt Abenteuerlust: du, mit einer dicken Erkältung.
Wenn du dich darin wiedererkennst: Willkommen im neuen Themenmonat Juni.
Wir widmen uns diesmal dem Zusammenspiel aus Dauerstress, Pause und dem Phänomen, warum manche Menschen ausgerechnet dann krank werden, wenn sie endlich frei haben.
Input
Hallo Stress, schön, dass du da bist!

Lasst uns eine Lanze brechen für den Stress. Denn der ist an sich nichts Schlechtes. Dein Nervensystem ist dafür gemacht, dich kurzfristig in Alarmbereitschaft zu versetzen:
- Herzschlag hoch
- Atmung schneller
- Muskeln bereit
Dein Sympathikus sofort so: „Fight or Flight?“ und die Nebenniere schüttet Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus. Kurzfristig ist das genial: Du bist fokussiert, wach, leistungsfähig.
Ein Stressauslöser – ein Stressor – sorgt also dafür, dass wir innerhalb eines Augenblicks durch das Zusammenspiel von Hormonen und Nervensystem bereit sind zur Flucht oder zum Kampf.
Doch das Problem beginnt, wenn aus kurzen Peaks ein Dauerzustand wird. Unser Körper hat im Wesentlichen zwei Modi:
- Anspannung: Sympathikus aktiv, Cortisol oben, alles auf „Leistung“.
- Regeneration: Parasympathikus aktiv, Cortisol sinkt, Verdauung, Immunsystem und Reparaturprozesse laufen.
Doch bei Dauerstress klemmt die Enter-Taste: Der Cortisolspiegel bleibt über längere Zeit erhöht und das Immunsystem wird herunterreguliert, weil unser Körper Energie „sparen“ will für das, was er da als Bedrohung interpretiert. Und das hat Folgen:
Die berühmten „Pittsburgh Common Cold Studies“ um Sheldon Cohen haben das ziemlich eindrucksvoll gezeigt: Menschen mit höherem wahrgenommenen Stress hatten eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, nach Kontakt mit Erkältungsviren tatsächlich krank zu werden – unabhängig von Faktoren wie Schlaf, Bewegung oder Rauchen. Besonders langandauernde Belastungen (z.B. chronischer Jobstress, Beziehungsprobleme) erhöhten die Anfälligkeit.
Je länger wir also im inneren „Rotbereich“ unterwegs sind, desto eher sagt unser Immunsystem irgendwann: „Mach nur, ich bin raus.“
Wir funktionieren erstaunlich lange – aber auf Kosten unserer Reserven.
Und dann kommt der Urlaub und mit ihm das Nichts.
Der Adrenalin-Spiegel fällt.
Der Sympathikus zieht sich zurück, der Parasympathikus übernimmt.
Das Immunsystem fährt wieder hoch. Infekte, die unser Körper vorher „unterdrückt“ hat, haben jetzt freie Bahn. Entzündungsprozesse, die im Hintergrund schon liefen, werden sichtbar.
Unser Körper nutzt diese echte Pause, um Dinge nachzuholen, die er im Dauerbetrieb nicht schaffen konnte: Reparieren, Abwehren, Aufräumen.
„Leisure Sickness“ macht sich breit.

Der niederländische Psychologe Ad Vingerhoets hat sich Anfang der 2000er Jahre genau damit beschäftigt. In einer Pilotstudie mit mehr als 1.800 Teilnehmenden untersuchte er, wie viele Menschen vor allem an Wochenenden oder im Urlaub immer wieder krank werden.
Die Ergebnisse:
Rund 3 % der Befragten berichteten, regelmäßig an freien Tagen oder im Urlaub Symptome zu entwickeln, die sie an Arbeitstagen kaum oder gar nicht hatten.
Viele davon beschrieben Schwierigkeiten, von „On“ auf „Off“ zu schalten – also innerlich von Arbeit zu Freizeit zu wechseln.
In einer späteren Ausarbeitung beschreiben Vingerhoets und Kolleg*innen Leisure Sickness als bio-psycho-soziales Phänomen:
- Bio: Ein Stresssystem, das lange auf Hochbetrieb läuft und in der Pause „durchsackt“.
- Psycho: Persönlichkeitsfaktoren wie Perfektionismus, starkes Verantwortungsgefühl, Schwierigkeiten, sich zu entspannen.
- Sozial: Arbeitsbedingungen, hohe Arbeitslast, unerledigte Aufgaben, fehlende Vertretung.
Kurz gesagt: Leisure Sickness ist kein eingebildetes Luxusproblem, sondern ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, dass Dauerstress und Erholung irgendwo nicht zusammenpassen.
Inside

Nach dem Blick ins Nervensystem gehen wir im Themenmonat dahin, wo Stress und Pause wirklich passieren: in den Alltag.
Zum #methodenmittwoch haben wir eine 5-Minuten-Übung, die dein Nervensystem im Alltag runterregelt.
Wir zeigen dir unseren „Schlachtplan-Way of Pause“ mit unserer neuen Sommerregel und klären warum „Pause“ vor allem System- und Führungsfrage ist. Abgeschlossen wird der Themenmonat mit einer ehrlichen Reflexion von Glaubenssätzen zum Thema Pause und Stress.
Bereit?
Outro
Mach mal Pause! Du verdienst es:
- Wann in den letzten Jahren bist du in einen Urlaub gestartet und warst schon vorher „durch“ – körperlich oder emotional?
- Wo verschiebst du Erholung systematisch „auf später“, in der Hoffnung, dass der nächste freie Block alles wieder richtet?
- Was wäre eine kleine, aber konkrete Veränderung, mit der du deinem Nervensystem schon diese Woche zeigst: „Du musst nicht bis zum Urlaub warten, um kurz durchzuatmen“?









